leave a trace – traces – time lapses – Idee
leave a trace
leave a trace befindet sich im Hirnforschungszentrum Charite CrossOver Institut (CCO) auf dem Campus Berlin Mitte
Foto: Peter Stumpf
Permanente interaktive Installation
Das Setup von leave a trace besteht aus einer Kamera, einer Software und einem Bildschirm: Die Kamera erfasst Bewegungen im Atrium, die Software übersetzt diese in Linien, die auf dem Bildschirm sichtbar gemacht werden.
Die Kamera nimmt das gesamte Erdgeschoss aus der Vogelperspektive auf und übernimmt somit die Funktion eines virtuellen Aussichtsturms, wodurch das Atrium in ein Panoptikum verwandelt wird.
leave a trace unterscheidet sich jedoch wesentlich von einer klassischen Über-wachungssituation, denn die Informationen werden unmittelbar an die Verursacher*innen der Bewegungen zurückgespielt. Es entsteht ein echter Rückkopplungseffekt.
Im Gegensatz zu üblichen Datenerfassungsmodellen werden die Informationen nicht zur Kontrolle, sondern zur Kenntnisnahme bereitgestellt. Die Urheber*innen bleiben anonym, da lediglich Bewegungslinien aufgezeichnet werden.
Anonyme Nutzer*innen im Atrium des Hirnforschungszentrums NeuroCure
Farbkonzept
Das Farbschema folgt einer zyklischen Logik: Die Farbspur eines Tages wird zur Hintergrundfarbe des nächsten. So entstehen zusammenhängende Bildfolgen. An Samstagen (weiße Spuren) und Sonntagen (weißer Hintergrund) endet eine Farbwoche und eine neue beginnt. Auf diese Weise entstehen jährlich unterschiedlichste Farbwochen.
Raum- und Zeitstruktur
Die Existenz von leave a trace verändert die räumliche Wahrnehmung grundlegend. Das von der Überwachungskamera an die Ursprungspersonen zurückgespielte Bild erzeugt ein Spiegelmoment. Die Erkenntnis, selbst die Quelle der Spur zu sein, eröffnet Handlungsspielräume: das Muster kann verändert, verstärkt oder gestört werden. Jede Spur bleibt zweieinhalb Stunden sichtbar und verblasst allmählich. So entsteht ein sich kontinuierlich wandelndes, dreidimensionales Muster, das aus zahlreichen individuellen Entscheidungen zusammengesetzt ist.
Fotos: Peter Stumpf
Spuren (traces), von den Forscher*innen erzeugt:
Anonyme Nutzer*innen im Atrium des Hirnforschungszentrums NeuroCure
Time lapses
Jeden Tag entstehen 3-minütige Time lapses, mit Zeitraffer aufgenommene Kurzvideos, in denen die Spurenveränderungen zusammengefasst sichtbar werden. Konferenzen, Ausstellungen oder Treffen im Atrium erzeugen spezielle Spurenmuster, da Tische, Bänke und Stellwände umgangen werden.
Aber auch individuelle Spurensetzungen und Reaktionen nachfolgender Personen auf die bestehenden Muster sind zu erkennen. Eine erzeugte Spur verblasst in 2,5 Stunden, sodass ein dreidimensionaler Raum-Zeit-Eindruck entsteht. Jeden Tag entsteht eine einmalige, von den Nutzer*innen selbst produzierte „Aufzeichnung“.
Anonyme Nutzer*innen im Atrium des Hirnforschungszentrums NeuroCure
Idee
Die Entwicklung der künstlerischen Arbeiten für das CrossOver Institute, einer Lehr- und Forschungseinrichtung der Medizinischen Fakultät der Charité Berlin Mitte, wurde im Sommer 2012 durch die bahnbrechende Gedächtnis-forschung der Neurowissenschaftlerin Brenda Milner inspiriert.
Die Konzen-tration auf das menschliche Gehirn in einem Institut, das Forschungs-programme in den Bereichen der Neurowissenschaften, Neurogenetik, Entwicklungsbiologie, Neuroimmunologie und Elektrophysiologie sowie Lehrveran-staltungen für Medizinstudierende entwickelt, führte zu der Idee, mensch-liches Gedächtnis als eine besondere Form des Spurensetzens, nämlich des Nachverfolgens von Daten und Ereig-nissen zu begreifen. Daraus entstand das Konzept, das zentrale Atrium als Ort eines Spurenerfassungsapparates zu nutzen, der die gesammelten Daten über einen Bildschirm in Echtzeit an die Betrach-ter*innen zurückführt und ihnen ermöglicht, ihre eigenen Spuren zu erkennen und mit ihnen umzugehen: leave a trace.
Team
Die spannende Phase der Versuche und technischen Umsetzungen begann im Frühjahr 2013. Ralf Reulke, Professor für Computer Vision an der HU Berlin und Leiter am DLR (Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt) bot an, eine maßgeschneiderte Software zu entwickeln – gemeinsam mit Dominik Rueß sowie weiteren Teammitgliedern und Studierenden des Fachbereichs Computer Vision. Bei Probeaufnahmen vor Ort lernte ich den Biophysiker Wolfram Liebermeister, sowie die Anthropologin Mariapaola Gritti kennen. Zusammen mit meinem Sohn Aaron Pollmann und meinem technischen Leiter Ansgar Meemken entstand ein transdisziplinäres Team, das mich über Jahre bei der Entwicklung von leave a trace, trancelation und tracelation begleitete. Die Enthüllungen von Edward Snowden im Sommer 2013 führten zu intensiven Diskussionen im Team. leave a trace ist seit Dezember 2013 aktiv. Täglich erzeugen anonyme Nutzer*innen Bewegungsmuster und visuelle Spuren, von denen einige in der Publikation tracelation dokumentiert sind.